Buchauszug 1: Tagebuch

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Freitag, 17. März 2006 20.20 Uhr

Ich muss schon sagen - es ist beileibe nicht immer nur angenehm... mein neuer Zustand.

Mein halbes Leben habe ich damit verbracht, auf die Erleuchtung hinzustreben - nun, da ich weiß, dass es sie eigentlich gar nicht gibt... bin ich wie beraubt.

Nun bin ich alles, und doch auch gleichzeitig nichts. Ich bin nicht wichtig, auch nicht unwichtig. Es gibt Gott und es gibt ihn nicht. Es gibt mich und es gibt mich nicht.

Ich laufe hier herum, in diesem Leben, zu dieser Zeit, an diesem Ort - warum? Ich könnte genauso gut nicht da sein. Ich bin wie ein Zombie, ein Untoter, bin im Körper schon tot. Das ist kein schöner Zustand. Ich (Gewahrsein) sehe mir (dem Körper) unbeteiligt zu. Nichts trifft mich mehr, nichts geht mehr an mich, kein Leid und keine Freude. Ich bin in völliger Distanz bei gleichzeitiger völliger Anwesenheit. "Unbetroffen - nicht gleichgültig"... pflegte Frédéric Lionel zu sagen. Nein, gleichgültig bin ich nicht, aber wirklich sehr, sehr unbetroffen.

Nun habe ich nichts mehr zu tun, und es ist eine Leere entstanden da, wo ich sonst "strebte". Diese Leere - wie füllen? Mit was? Warum? Nichts interessiert mich mehr, nichts, was ich erreichen will, nichts, was mir Befriedigung geben könnte - da ich ja bereits befriedigt bin... also nichts, das ich brauche und will...

Ich trinke Wein, Rosé, will nicht dauernd so ganz klar sein. Wein macht wohlig und müde... den Körper. Hab den Ofen angemacht. Schön. Aber in mir ist kein Echo. Es echot nichts, was sollte ein Echo geben? Und auf was? Wenn nichts in Schwingung versetzt wird, bebt es nicht, schwingt es nicht, echot es nicht. Kein Resonanzboden mehr da - doch wie kann das sein? Stimmt was nicht mit mir? (Wer ist jetzt "mir" bei dieser Frage?) An wem stimmt was nicht? Gibt es noch was anderes als Fragen?

Die Antwort auf alle Fragen lautet:

Stille.

Es ist schon so, dass diese Stille eine Qualität hat. Eine liebevolle Qualität, eine der Fülle und der Liebe. Aber es ist eine sanfte, unaufdringliche Liebe, wie soll ich sagen? Diese Liebe ist wie eine Substanz, hat füllenden Charakter, ist nicht eine Emotion, sondern einfach eine Realität. Das Sein ist Liebe. Aber subtil, und nicht intellektuell zu erkennen. Auch das Herz kennt das nicht alles. Was es kennt, bin ich, ist mein (Gottes) Sein, meine eigene Göttlichkeit, die nicht meine eigene (Gabis) ist, sondern sich halt in diesem Körper aufhält - derzeit. Und gleichzeitig immer ist und überall.

Ich kann tatsächlich nicht mehr von mir als einer Person sprechen. Es sieht aus wie eine Person, es wirkt sicher auch so, doch es ist keine.

Nicht etwa, dass mein Verstand dauernd schweigen würde.... Neinein. Er quasselt viel. Aber nicht wichtig. Auch nicht störend. Die Stille ist genauso da, ein kleiner Griff, und schon ist sie da. Meditieren überflüssig. Herz und Kopf sind eins geworden - das war früher anders....

Ja, und wozu nun ist mir dies geschehen? Wer hat was davon? Noch nicht mal ich selber... Ich könnte jetzt zu mir sagen: ich bin erleuchtet.... Aber, wer ist in diesem Falle "ich"? Und: Erleuchtung hab ich mir immer ganz anders vorgestellt. Und das ist was ganz anderes gewesen. Kein Licht, kein Tamtam, ganz still und sanft und lieb, und schön war das. Nur war danach plötzlich alles anders. Und es blieb und bleibt so.

Früher hatte ich immer mal Lust auf dieses oder jenes. Essen gehen, mal baden, Sauna, Natur, körperliche Bewegung, Meditieren, Freunde sehen... Jetzt ist nur noch eins geblieben: Hunger, Appetit, Trinken und Schlafen. Bin ein Tier geworden.

Ich hab das Gefühl, da ist eine weiße Leinwand in mir, die ich gerne füllen würde, aus Gewohnheit, doch das geht nicht mehr. Es will sich kein Film mehr zeigen.

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