Ich habe sehr frühkindliche Erinnerungen daran, wie es war, im Kinderwagen sitzend oder liegend einfach nur die Zimmerdecke anzusehen. Ohne jedes Zeitgefühl, ohne jeden Gedanken, schwimmend im Ozean des Seins und in den süßen Armen der Unendlichkeit. Wenn man in die Augen eines Babys schaut, ist man von der „Vollkommenheit“ dieser Augen beeindruckt, denn man findet in ihnen ein grenzenloses Vertrauen, endlose Weite, Offenheit und: eine liebevolle, gütige, von Grund auf freundliche „Haltung“. Ein Baby ist noch vollständig aufgehoben, eingebettet und geborgen in seinem innersten Sein. Es ist nicht zu datieren, doch ich erinnere mich, wie ich irgendwann im Verlauf der Pubertät in (m)einer engen und begrenzten Welt „wach“ wurde, also ihr bewusst wurde – plötzlich sah ich nur noch Grenzen, Beengtheit, Bedingtheit und vor allem: die Sinnlosigkeit meines kleinen, unwichtigen Lebens, das nicht weiß, wozu es hier ist. Nach stundenlangen Fernseh-Sessions, die mich für Nachmittage und Abende in eine Art dumpfe Trance hüllten, „erwachte“ ich immer wieder mit einem schlechten Gefühl, das an Übelkeit erinnerte und anmutete wie ein Kater nach zu viel Alkoholgenuss. Es tat richtig weh, nach der Scheinwelt des Fernsehens wieder in die eigene, kleine, enge Welt einzutauchen, und ich empfand etwas ähnliches wie Grauen, Widerwillen und Trauer. Vielleicht ist die Pubertät gerade deshalb eine so schwere Zeit voller Auf und Ab für junge Menschen, weil in diesen Jahren das „Ich“ zur vollen Größe heran wächst, mit allen üblen Folgen, die das nun mal hat. Man ringt mühevoll darum, dem „Ich“ eine besondere Definition und Gestalt zu geben, ein Gesicht, das sich von den Anderen unterscheidet, das individuell ist, einzigartig und dennoch: liebenswert. Man sucht Richtung, Sicherheit und Struktur. Da man sich selbst immer weniger liebt, ist man unsicher und mehr und mehr abhängig von der Liebe der Anderen. Die Heimat des Elternhauses trägt nicht mehr, die Wärme der Kindheit ist verschwunden. Daraus resultiert die drängende Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit. Der Intellekt herrscht mehr und mehr, und man definiert sich als Person nach Gedanken, Meinungen, Ansichten... Man sucht sich Menschen, die in ihrer Struktur ähnlichen Gedanken anhängen und dokumentiert dies dann auch im Äußeren durch die Kleidung, fast eine Art Uniformierung. Man nennt sich Punk, Gothic, Skinhead, Hiphopper.... Es ist eine unangenehme Zeit, dieses so genannte „Erwachsenwerden“. Doch was tut man eigentlich? Man fügt sich in die Grenzen des Ego, in die Grenzen des Verstandes und vor allem: seiner Urteile und beginnt, dieses entstandene ICH für das eigene Wesen zu halten. Die Ganzheit aus den Kindertagen, das Aufgehobensein, das Vertrauen rücken völlig in den Hintergrund. Der Verstand wird sich seiner selbst gewahr und entscheidet sich für die eigene Begrenztheit. Fortan sind wir gefangen. Indem wir diesem persönliche Konglomerat von Meinungen und Überzeugungen den Stempel des „Ich“ aufdrücken und es als eigenständiges Wesen ansehen, geben wir dieser Vorstellung vom Ich Macht. Dabei geht uns die Wahrnehmung des Wesentlichen abhanden, das uns schon VOR all den Überzeugungen und VOR dieser Identifikation ausgemacht hat: Weite, Grenzenlosigkeit, Liebe, Frieden, die Seligkeit des Seins. Dass diese Überzeugungen und Eigenschaften einem ständigen Wandel unterworfen sind, fällt uns zwar manchmal auf, doch wir sehen großzügig über diese Tatsache hinweg, bzw. deuten sie nicht weiter. Wir wundern uns anscheinend nicht darüber, dass dieses „Ich“, das für uns doch eigentlich eine fest stehende Qualität bedeutet, diesen Wandel spielend mit macht. Ist es nicht merkwürdig? Wahrscheinlich beginnt dies alles schon sehr früh, dann nämlich, wenn uns die Erwachsenen sagen: „Dies ist deins, und jenes ist meins!“ oder: „Du bist die Ulla und das ist der Hans!“ Und, merkwürdig, dann sprechen Kinder von sich in der dritten Person: „Ulla hat Hunger“, denn da ist doch kein Ich, das Hunger haben könnte. Es ist einfach nur Hunger da. Also wird es wohl „Ulla“ sein, die Hunger hat, da die Erwachsenen ja immer „Ulla“ zu diesem Körper sagen. Dieses Beispiel zeigt, dass Menschen, in diesem Fall Kinder, auch sehr gut ohne die Vorstellung von einem Ich leben können. Das Ich ist nichts anderes als eine Art „Knoten“, eine Verhärtung, eine Fixierung des Verstandes, es ist ein Glaube – sonst nichts. Und so wie man eine Überzeugung loslässt, wenn man eines Besseren belehrt wird, so kann sich das Ich als Entität auflösen – wie ein gordischer Knoten. Übrig bleibt die glatte Schnur, an der nichts haftet. Doch der Glaube an das Ich ist stark, er hat sich wirklich zu einer fixen Idee verfestigt, er beherrscht unser Denken und Fühlen und kann nicht so ohne weiteres einfach wieder aufgelöst werden, das ist das Problem. Das Fatale ist ja auch, dass wir nicht nur intellektuell vom Ich überzeugt sind, sondern auch die Folgen dieses Glaubens unmittelbar emotional zu spüren bekommen: Wir fühlen uns einsam, isoliert, getrennt. Wir teilen die Mitmenschen in Freunde und Feinde. Es entstehen Urteile aus der Sicht eines Ich über Andere, und vor allem auch die Selbst-Verurteilung, Selbst-Hass. Viele Menschen leben in einem ständigen Kampf mit und gegen sich selbst. Schuldgefühle, Selbstanklagen, Ängste und Depressionen können die Folge sein. Die ganze Palette dieser schmerzhaften Gefühle und Zustände ist ein Produkt des Ich. Wir haben individuelle Charaktereigenschaften, spezifische Verhaltensweisen, eine Persönlichkeit und halten auch diese für unser „Ich“. Dabei ist uns gar nicht klar, dass niemand etwas für seinen Charakter kann – dass er uns GEGEBEN ist. Charakterzüge sind angeboren, und Verhaltensweisen entstehen aus unseren persönlichen Erfahrungen in der Kindheit und unserem weiteren Leben. Wenn wir uns genau beobachten, stellen wir fest, dass Reaktionen so schnell erfolgen, dass wir sie gar nicht bremsen können. Und schaut man genau hin, so findet sich doch nicht wirklich ein Jemand, der handelt, sondern ES handelt sehr spontan und fast unberechenbar DURCH uns. Dinge geschehen quasi von selbst… - Aber nein, wir dichten die Geschehnisse unserem „Ich“ an, wir nehmen dieses „Ich“ wichtig und geben ihm damit Bedeutung und Gewicht… Und dann ist da plötzlich ein Loch, wo vorher Frieden und Ganzheit war. Dieses Loch wollen wir fortan stopfen, denn es schmerzt. So suchen wir die Er-Füllung dieses Lochs im Außen, da wir das Innen vergessen haben, es verloren haben. Diese Leere, diese grundlegende Unausgefülltheit existiert jedoch erst, seitdem wir dieses Ich geschaffen und zu unserem Götzen erkoren haben. Ja, wir wollen bedeutend sein, wir wollen ein Jemand sein… Dumm nur, dass dieser Körper, mit diesem spezifischen Charakter und diesen spezifischen Erfahrungen und Überzeugungen nicht ewig leben wird… Fatal also, sich mit all diesem Ich-Krimskrams zu identifizieren… Dieser Körper ist ein Kind des Lebens, letztlich ist er aus Sternenstaub… entstanden aus Erde und Wasser wie ein Baum, er ist ein Teil dieses immensen Apparates „Natur“, in dem sich permanent alles wandelt, in dem es nichts Feststehendes gibt, denn ein Grashalm wird zur Nahrung für eine Kuh, die Kuh zur Nahrung für den Menschen, der Mensch wieder zur Nahrung für die Pflanze.. ein ewiger Kreislauf… da sagt doch schon die Logik: wie kann man sich mit diesem vergänglichen Kreislauf identifizieren, in dem sich in jeder Sekunde alles wieder ändert? Wenn jedes Wesen sich mit seinem Ich so identifizieren würde wie der Mensch… was gäbe es für ein Geschrei und Gejammer im Tierreich… doch nein, sie sterben schweigend und dem Schicksal hingegeben. Manche schreien noch nicht einmal, wenn sie geschlachtet werden… Doch wir blicken angstvoll auf das Thema „Tod“. Er ist für uns erschreckend, denn wir fürchten, er bedeutet das unwiderrufliche Ende. Wir sind überzeugt von uns selbst. Und weil es traurig ist, sich so abgegrenzt, kurzlebig und allein zu fühlen, suchen wir nach Betäubung und Beschäftigung, nach Liebe, nach Dingen wie Besitz oder Macht, die versprechen uns zu befriedigen. Und irgendwann, wenn wir merken, es befriedigt nicht wirklich, irgendwann begeben wir uns vielleicht auf die Suche danach, wer wir wirklich sind. Wenn wir genug gelitten haben; wenn wir feststellen, dass die Ich-Sucht uns einfach nicht auf Dauer glücklich machen kann, kommen Fragen. Fragen nach dem Sinn, Fragen nach Gott, Fragen nach der Wahrheit. Wenn durch Gnade die Identifikation mit dem Ego gelöst ist, wird man auf gewisse Art wieder zum Kind. Man erwacht hinein in eine unendliche Weite und Freiheit, immer wieder neu und jung, und mit der Klarheit des Wissens, dass man dieses scheinbare Ich nicht wirklich IST. Das macht sehr unabhängig, denn endlich muss man nichts Besonderes mehr sein, nichts mehr darstellen was man nicht ist, in niemandes Raster mehr passen – und vor allem auch nicht mehr in die eigenen! Diese Erleichterung ist grenzenlos… Wenn all die Zwänge abfallen, all die Ängste auch und all die Ersatzbefriedigungen… Man muss nicht mehr künstlich hinter irgendetwas her laufen, um sich ganz zu fühlen. Man braucht immer weniger… so vieles fällt ab. Das SEIN erfüllt das ganze Wesen, und das „Ich“, das vorher alles dominiert hat, löst sich in Luft auf. Übrig bleibt ein Charakter, Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle – doch niemand, dem sie gehören. |