Zur Zeit lerne ich wieder viel über die Natur des Verstandes, über seine Schliche und Mechanismen. Draußen ist Nebel - genauso erzeugt der Verstand Nebel. Und so geschickt spinnt er Geschichten und verkauft sie als Wahrheit... unglaublich raffiniert dieses "Ding". Ja, es wird erst jetzt wirklich klar, wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, dass ich auf subtile Weise doch noch etwas "haben" will, Glück, Frieden, Schüler, Großrauskommen... - wär doch nicht schlecht, sagt der Verstand... Da ist noch so viel Müll, so viel Unehrlichkeit, so viel Schein in mir. Ich weiß doch, wer ich wirklich bin - und eigentlich komme ich der Lüge nur auf die Schliche, in dem ich immer wieder hin schaue, möglichst jeden Moment ehrlich bin, nicht nur einmal im Monat. Sonst stülpt sich dieses schleimige Gespinstes über und behauptet, es wäre ich und trennt mich damit ab von mir selbst. Sonst verleibt es sich wieder das Schönste ein. Ganz schafft es das ja zum Glück nicht, aber doch teilweise. Ja, das Wesentliche am Spinnenetz ist das Leere zwischen den Fäden. Nicht das Netz, nicht die Spinne, auch nicht die eingesponnenen Opfer... Das Hinwenden nach Innen, ohne etwas zu wollen, erfordert... tja, was erfordert es eigentlich? Liebe. Liebe zu Gott. Sonst nichts. Und jeder Mensch ist im Besitz dieser Liebe. Niemand, der sie nicht in sich hätte. Liebe will nichts, Liebe kann nichts, liebe gibt nichts, Liebe ist... - ist das nicht ein Songtext? Nena oder so? Später: Eben: ein schonungsloses Wenden nach Innen, Blick tief ins Herz, ohne etwas zu wollen - dort das Auge Gottes gesehen, ein wabernder Sog, dort ist ein Flammenmeer, dort ist Tod und Verderben für den Verstand. Dort hin geht die Sehnsucht - unermesslich, schmerzhaft, süß - springt das Herz entzwei? Kann es das ertragen? Ist es nicht zu viel? Plappert der Verstand. Das Flammenmeer, wie die Sonne, Protuberanzen, züngelnd, verzehrend. Mein Gott, wie sehr bin ich am Anfang, wie sehr? Was bilde ich mir die ganze Zeit ein? Ich habe keine Angst. Ich weiß, dass nur das stirbt, was unwahr ist. Und dieses Sterben ist schmerzlos. Es verpufft, es löst sich auf. Und ich will das. So soll es sein. Das ist mein Leben, mein Sinn, deshalb bin ich hier. All die Jahre. Endlich weiß ich, worum es geht. Jeden Moment hinein ins Flammenmeer. Ob es gelingt? Ich weiß es nicht. Fühle mich wie aufgerissen in der Brust. Eine Wunde, ja auch ein Schmerz, aber, eben, süß und schön irgendwie. Realität. Das Herz ist ein Tor. Der Verstand ist das Gitter davor.. aber man kann durch die Ritzen durch. Und dann entsteht ein Sog. Es saugt dich auf, es holt dich hinein, es will dich verzehren. Was schmerzt ist die mangelnde Hingabe, du willst nicht wirklich, das Ich will es nicht. Wende dich ab von diesem Nichtwollen, lass es geschehen. Das Herz ist das Zentrum des Menschen, nicht das Hirn! Jetzt erst geht mir das so richtig durch und durch. Jetzt erst weiß ich, was mit diesem Weg des Feuers wirklich gemeint ist. Später: Welche Ignoranz, welcher Größenwahn hat mich in den letzten Monaten geritten? Wie kalt kann ein Mensch sein, dass er nach wie vor Tiere isst, wo Tiere ein Herz haben wie die Menschen? Wo Tiere Götter sind wie wir? Erhebt uns etwa der Intellekt über sie? Ha! Was für ein Schwachsinn. Der Intellekt erhebt sich über alles, doch er ist nichts wert. Er ist ein Haufen Scheiße. Nichtsnutz. Gollum. Ja, genau. Er ist geknechtet vom Ring der Macht, der ihn korrupt gemacht hat. Dieses süße Locken im Herzen - das ist Realität! Das ist Wirklichkeit! Das und der Tod, der kommen wird - oh ja, er wird kommen. Bis dahin soll nur noch das Herz das Sagen haben. Das klitzekleine, winzige Bisschen, das so ein Vielfraß ist, das mich ganz aufessen wird, dem ich mich entgegen werfen möchte, in seine Arme, hinein, und immer tiefer hinein. Es gibt nichts zu erreichen, nichts zu werden, noch nicht einmal etwas zu SEIN. Es ist das was ist und nicht mehr. Und alles was ist, ist geliehen, gegeben, geschenkt, ist nicht unser, ist nicht meins. Es besteht alles aus purer Liebe, aus Gnade, aus Geben. Und so muss das Unehrliche dort wieder hinein fließen, zurück gegeben werden, aufgegeben werden - für was? Für nichts. So habe ich ein Jahr gebraucht, um zu begreifen, dass es niemanden gibt, der erwacht ist, dass es niemanden gibt, der etwas lehren könnte, dass niemand groß raus kommen wird, dass ganz im Gegenteil der Schrumpfungsprozess weiter geht, gehen muss - so verlangt es die Wahrheit.
Weihnachten Wie großzügig ist dieses Sein... Wie tolerant, wie frei in seiner unbeschreiblichen Duldsamkeit: es lenkt nicht, es urteilt nicht, es will nicht, es gestattet alle Gefühle und Gedanken, es toleriert schlichtweg alles - Freuden wie Schmerzen... Der Einzige, der immer will, ist der Mensch, ist diese Körper-Verstand-Gefühls-Zusammenballung. Das Hiersein im Körper ist Leiden. Das Leiden hört nicht auf. Was ich wirklich bin, leidet nicht, und doch ist Leiden da. Und es schmerzt. Die Vergänglichkeit ist ein Trost. Deshalb sollte man sein Herz an nichts hängen als an das Eine. Doch das ist leicht gesagt. Der Mensch ist anders. So lange noch ein Begehren nach schönen Erfahrungen im physischen Leben da ist, so lange ist Leid da. Oder sagen wir, solange wird es immer wieder da sein. Wie kann man das abgeben, wenn man noch im Körper wohnt? Wenn die Vergangenheit weiter da ist, mit allen Erfahrungen, allen Schmerzen und allen Freuden? Und die Gegenwart mit all dem was nicht ist? Immer noch suchen mich Programme heim. Das Mutterprogramm ist fast das Schlimmste. Die Überzeugung, einen Menschen "erziehen" zu müssen, ihn in eine bestimmte Richtung lenken zu müssen, für ihn verantwortlich zu sein... Bin ich denn wirklich verantwortlich für Mischa? Muss er denn Abitur machen? Ich leide zur Zeit dermaßen unter meinen Unzulänglichkeiten, dass ich nahe an einer Depression bin. Fühle mich so ungenügend, so versagend, so schwach und hilflos, auch irgendwie einsam. Selbst wissend, dass ich den Programmen aufsitze, dass all das keine Wirklichkeit hat, alles Schattengefechte sind - und dennoch fechte ich sie aus, dennoch erschafft all das Gedanken und dann Gefühle, und all das macht das Herz schwer - das Herz, dass weit und groß sein könnte und voller Frieden. Derzeit ist es voller Trauer. Trauer an was? Ich weiß es nicht. Ja, was bringt da Erwachen? Oder Erwachtsein? Gar nichts. Es ist halt nicht zum "bringen" da, sondern nur zum Sein. Im Gegenteil, es nimmt. Es nimmt und nimmt und nimmt, und nichts bleibt übrig - und zuletzt nimmt es dann noch den Körper. Am Anfang dachte ich, es bringt Glückseligkeit, Frieden, Freiheit. Ja, all das ist da: Glückseligkeit, Frieden, Freiheit, aber leider nicht im Vordergrund, ja noch nicht einmal im Hintergrund. Derzeit spüre ich all das nicht. Ich weiß aber, dass sie da sind. Und ein kurzer Moment der Abwendung von meinen Gedanken und Gefühlen und er Hinwendung zum Sein bringt die Stille ins Bewusstsein, in die Wahrnehmung. Und diese Stille umfängt auch das Leiden in einer unbeschreiblichen Liebe und Akzeptanz. Die Tränen versiegen. Frage ich mich, was ist wirklich? Was ist wahr? Wahr ist gerade der Sonnenschein, die Wolken, das "Ich-bin-da"... Wärme im Körper, eine kleine Schwere im Herzen, kühle Füße, Bewusstsein. Werfe ich alles Unwirkliche ins Feuer - was bleibt? DAS. Der schöne, liebliche Rest. Der, für den ich da bin. Ich geb dir alles. Nimm alles von mir. Lass nichts übrig. Lass es dir schmecken. Ich bin dein. Auf ewig. Jetzt und immer. Ein Tag später Ich wurde um 4.00 Uhr wach und gleich überfiel mich wieder das Leiden. Das Leiden war so stark und dann das Gefühl, ja ohnehin irgendwann sterben zu müssen, ich fragte mich, eigentlich könnte ich auch gleich... eh wurscht. Hatte so einen Druck auf dem Kehlkopf, sinnierte was wäre, wenn ich wüsste, ich habe Krebs und muss demnächst sterben... Ich ließ einfach los, diesen Körper, dieses Leben, diese Erfahrungen, alles dies, was die Gabi ausgemacht hat. Ich atmete aus, einfach nur noch aus, so wie Giaco als er starb, so wie mein Vater als er starb... ich fühlte die Entspannung und ging aus dem Hier weg. Und ich kam wie in einen Raum der Leere und trotzdem Fülle. Keine Glückseligkeit, gar keine Empfindungen, denn ich war wie körperlos, reines Bewusstsein, besser gesagt, es gab mich nicht, es gibt mich auch jetzt nicht. Aber irgendwer muss das ja jetzt hier aufschreiben... Also, ich blieb lange in diesem "Raum", der kein Raum ist, in diesem "Zustand", der kein Zustand ist, in dem ich jetzt noch bin... egal. Ich schlief wohl doch ein und träumte was Schönes. Ich wurde vor Lachen wach und lache noch immer... Wie ich mich jetzt fühle... leicht und unbeschwert, wieder wie ein Kind, das Schwere ist abgefallen, und ich bin im Moment so sicher und geborgen, so frei und ungebunden, an nichts und niemanden gebunden, auch an keinen Schmerz... Merkwürdig... Da ist niemand zu Hause, dem etwas weh tun könnte, es war wiedermal alles Einbildung. Fühle mich, als sei ich auf den höchsten Gipfeln des Himalaya, sehr klar und frei. Und alles Dunkle Schmerzhafte liegt unter mir, ich bin dort oben in Sicherheit - wer, ich? Niemand. Ich, Gott. Befreiendes Lachen über all den Bullshit... über all das "Bedeutungsvolle", all das Veruteilende, all das Schwere, was wir so alles "wichtig" nennen, was wir so alles schwer nehmen, was wir so alles aufblasen, wir machen aus Nichts einen Elefanten. Tagein, tagaus, unentwegt blasen wir die Dinge auf - einschließlich uns selbst. Ha! Zum Totlachen... Lach dich tot, lach dich tot, sei tot und du bist frei! Fast schien mir heute Nacht, Bewusstsein sei da auch ohne Körper, doch ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, denn mein Körper ist ja noch da. Wir Menschen haben ein altes Wissen ums Sterben. Ich weiß genau, wie sterben geht, man muss es nur wirklich wollen und dann geschehen lassen. An was hängt ihr euch alle? Hier in diesem Jammertal? Gibt es was, an das man sich hängen sollte? Nein - wozu? Alles muss wieder los gelassen werden. Nichts bleibt. Rein gar nichts. Nur Bewusstsein bleibt. Und das ist wertfrei, jenseits von Glück und Leid, aber sehr, sehr frei und unbeschwert, sozusagen äußerst angenehm. Jauchzet, frohlocket! Preiset die Tage! Alles wird von euch genommen werden! Welches Glück, das alles erleben zu dürfen! Als ich so in dieser Leere und Stille verweilte, durchzuckte mich einmal kurz der Gedanke, ob die Daten auf meiner "Festplatte" wohl wieder zurück kommen... denn ich fühlte mich gänzlich entpersönlicht, gänzlich kosmisch, gänzlich frei von jedem Jemandem, ich weiß jetzt wirklich, wie Sterben ist. Mir klar: solche Zustände erreichen Andere durch Meditation... bei mir muss es einfach dahin fließen, das Leben mit seinen Zuständen schiebt mich weiter, in weitere Öffnung hinein. Schön ist das. Und ganz und gar unpersönlich gemeint, gar nicht gemeint, einfach so. Bin jetzt sehr müde, wenig geschlafen. Höre auf zu schreiben, mag nicht mehr denken, denn schreiben ist gleich denken... blöd. Nur noch sein. |