Februar 2006

Sonntag, 5. Februar 2006 11.00 Uhr

Es ist schon merkwürdig, ich habe keinen Hunger mehr, nehme ab wie verrückt, habe keine Süchte mehr, also brauche irgendwie nichts mehr, außer abends Bierchen, das ist im Moment meine Lust. Der Mensch ist von Natur aus satt - vielleicht könnte ich es jetzt mit Lichtnahrung versuchen, wenn ich wollte *grins* - ich will aber nicht.

Seit dem letzten Sonntag wuchs mein Ego wieder mehr - von Tag zu Tag, bis es mich gestern wieder "auffressen" wollte... Ich fürchtete mich, "ES" (das Sein) könnte mich wieder verlassen, weil ich so viel denken musste und fast wieder glaubte, Gabi zu sein. Ich kämpfte dagegen, bis ich merkte, dass ich das Ego damit fütterte. Die Einstellung "geht mich nichts an" half nicht. Was half, war das Beobachten und nicht mehr kämpfen. Schwuppdiwupp löste es sich wieder auf, und was blieb, war die große Weite, die mich die ganze Nacht über trug.

Wirklich interessant: man träumt zwar, doch die Träume gehen nicht mehr "an einen". Es gibt keine Probleme mehr im Traum. Es ist alles gut. Einfach alles. Alles, was kommt ist gut. Es ist großer, großer Friede da.

 

Samstag, 11. Februar 2006

Alles hat sich verändert und ist doch gleich geblieben. Im Innern ist alles anders als vorher. Alles an Glauben, Theorien und Illusionen hat sich aufgelöst. An diese Stelle ist NICHTS getreten. Derzeit ist mir NICHTS langweilig. Aber, ich könnte, selbst wenn ich wollte, die alten Geschichten nicht mehr glauben.

Derzeit gibt es für mich weder Himmel, noch Höllen, noch Buddhas oder Engel, noch Gott. Alles ist substanzlos und leer. Alles ist bedeutungslos und leer. Einschließlich mir selbst.

Es geht mir gut -alles bestens, bin gut drauf, werde mein Tagwerk erledigen. Bin weder depressiv noch happy, einfach neutral. Da ist ein Körper und eine Belebung darin, die denkt und handelt. Derzeit fühlt sie nicht viel. Sie hieß und heißt Gabriele. Aber es ist nicht wirklich jemand da. Es gibt auch keinerlei Grund, hier zu sein. Es ist einfach so. Das Hirn fragt zwar, doch das ist unwesentlich.

Wer bin ich? Keine Ahnung. Das was vorher war, war ich nicht. Und es gibt mich (etwas) auch ohne all die Theorien von Jenseits und Tod und Teufel. Es gibt mich (etwas) auch ohne all das.

Das Erwachen ist jetzt grad zwei Wochen alt. Manchmal scheint es, als wäre nichts geschehen, doch es ist etwas geschehen, was man niemandem mitteilen kann. Selbst einem selbst kann man es nicht mitteilen, denn es gibt nicht wirklich was zu sagen und auch niemanden, dem man es sagen könnte...

Ich weiß nicht, ob man diesen Zustand der Desillusionierung anderen Menschen wünschen soll... die stellen sich ja unter Erleuchtung ganz was anderes vor. Dass es wirklich ein gänzliches Leerwerden ist, ist nicht unbedingt soooo schön.

Ich merke, ich bin jetzt in einem Prozess, der von alleine weiter läuft. Ich muss ja nichts mehr anstreben oder "tun". ES geschieht alles von selbst.

Aber: was ich nach wie vor nicht habe, ist: Sendungsbewusstsein. Ich würde zwar mein Erleben gerne jemandem mitteilen, doch warum eigentlich? Diesen Zustand kann man doch niemandem wünschen... Oder doch?

Rest-Gabriele tastet und wühlt, ob es nicht doch noch irgendwo einen Anker gibt, etwas zum Festhalten, etwas zum Andocken - aber da ist nichts. Leider. Gar nichts. Es gibt einfach nichts zu tun. Nichts zu wollen, nichts zu lieben oder zu hassen.

 

Freitag, 17. Februar 2006 morgens 3.00 Uhr

Giaco (mein Ex-Mann) hat sich wieder etwas erholt, ist öfter auf, hat kein Erbrechen mehr, aber immer wieder Schmerzen in der Milzgegend und mag auch noch nicht viel essen. Ist noch sehr schwach. Kein Wunder, nach den Strapazen. Seine Elementale haben ihn fest im Griff, und ich fürchte, daran wird sich bis zu seinem letzten Stündlein nichts mehr ändern...

Alles mögliche löst sich in meinem Leben, läuft von alleine, ich muss nichts tun... so zum Beispiel die Vermietung der Wohnung unten.... Da flogen mir ja neue Mieter ins Haus, ohne, dass ich eine Anzeige schalten musste, und die Miete wird vom Sozialamt bezahlt. Und liebe und ruhige Mieter.

Die innere Stille ist seltener geworden, ich denke viel zu viel, fühle mich auch nicht mehr so schön im Ozean geborgen... doch ich bin da guter Hoffnung, dass all das wieder kommen wird. Zu gegebener Zeit. Die Trennung ist aufgehoben - und das ist das Wesentliche, und ich weiß jetzt, wer ich bin bzw. nicht bin.

 

Samstag, 18. Februar 2006 halbsechs morgens

Die Stille ist immer da - nur ist meistens etwas "davor" wie Gedanken oder Gefühle. Die Stille ist mein eigentliches Wesen. In der Stille ist Alles. Aus der Stille kommen Frieden und Liebe. Sie sind mein eigentliches Wesen. Alles andere ist Trug.

 

Sonntag, 19. Februar 2006 viertel vor zehn

Es ist alles so erfüllt, so ausgefüllt, so herrlich satt und tief innen glücklich. So wunderbar, nichts mehr zu müssen, nichts zu wissen, nichts zu wollen, keine Wünsche, kein Streben, kein Irgendwas.

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, der Computer surrt, ich habe leichte Kopfschmerzen - macht nix... alles ok.

Oben liegt Giaco und hält krampfhaft am Leben fest. An seiner Idee, seinem Streben, seinen Plänen, seinen Überzeugungen. Der Arme.

Es gelingt mir zunehmend, ihn davon abzuhalten, mir seine Raster aufzudrängen. Ich winke immer sofort ab, und er akzeptiert es jetzt. Ich sag: "Ich bin da, komme, dir das Jetzt und gute Laune zu bringen, zu helfen was nötig ist, aber nicht, um mir deine Geschichten anzuhören, deine Träume und Überzeugungen..." Immer wieder hebt er den ausgestreckten Zeigefinger, mahnend, da ich gestern wieder Schinken mit Ei gegessen habe.... Ich lache nur noch.... Kann es einfach nicht mehr ernst nehmen... Ist echt zum lachen...

Es gibt nichts zu tun, nichts Belastendes, denn im Jetzt existieren weder Sorgen noch Ängste, auch keine Hoffnungen. Nur jetzt. Das ist herrlich! Ich lerne täglich dazu. Werde gedankenloser. Gucke zu, wie alles geschieht. Wunderbar ist das!

 

Dienstag, 21. Februar 2006

Es ist schon verrückt, wie sich alles dermaßen geändert hat. Selbst das Tagebuch schreiben macht mir keine Freude mehr, hab sozusagen "null Bock" drauf... wen interessiert das schon - noch nicht mal mich selber... also wozu aufschreiben, was in mir los ist, es ändert sich eh ständig. In mir ist das los, was um mich los ist - und sonst nicht mehr viel... Lustig....

Giaco stirbt, langsam und schwer. Es ist schlimm. Auch für ihn. Denn er glaubt noch immer nicht, dass er Krebs hat. Er glaubt gnadenlos an seine Gesundung... Das glaubt er vermutlich auch noch, wenn es endgültig geschieht... das Loslassen.

Aber ich hatte heute Nacht gegen 5.00 Uhr einen wunderschönen Traum, mit herrlichen Gefühlen von Frieden und Freude. Ich träumte, er kam an die Straßenbahnstation, wo ich auf die Straßenbahn wartete, und gerade als sie kam, sah ich ihn. Und ich lief zu ihm, wir nahmen uns in die Arme, ich sagte: "Du bist ja da!!! Du bist gekommen!" und wir küssten uns sehr, sehr sanft auf den Mund. Dann winkte er mir, und ich kam auf den letzten Drücker noch in die Straßenbahn - die Türen schlossen sich schon. Es war ein Abschied. Ein schöner, sehr liebevoller Abschied. Und nach dem Traum war ich sicher, dass er gestorben war. Doch als ich eine halbe Stunde später hoch kam, da lebte er und fühlte sich besser. Es wäre mir recht gewesen, wenn es heute Morgen so gewesen wäre wie ich dachte. Doch: so kann man sich täuschen. Auch erwacht täuschen... :-)

Ich bin ja kein bisschen anders als vorher, nur halt anders. Was schreib ich da???? Ist aber so. Kein bisschen anders, aber anders. Bin nicht mehr, die ich war. Gabi ist langweilig und blöd. Es lebe Gott. Gott in Gabi, Gott als Gabi, Gott in jedem, Gabi in allem und jedem.

 

Mittwoch, Februar 2006 22.30 Uhr

Mann, war das heute ein Tag.... Irgendwie anstrengend... wegen Giaco. Manchmal macht es den Eindruck, als wäre er kurz vorm Übergang, dann wieder ist er fast wieder kräftig und munter... und redet wie immer. Doch es scheint ihm ganz allmählich, zumindest manchmal zu dämmern, dass er sterben könnte.

Das Schlimmste ist für mich das Wechselbad der Gefühle, und die ständige Befürchtung, ihn tot aufzufinden.

Heute kommt es mir so vor, als habe sich bei mir überhaupt nichts geändert, ich war wieder sehr im Ego... bzw. verhaftet an dem, was ich wollte im Gegensatz zu dem, was ES wollte... Ich war hektisch und unruhig und konnte Gedanken an Giaco einfach nicht loslassen... konnte nicht geschehen lassen, wollte dauernd eingreifen. Kaum Stille, kaum innerer Frieden, oder eigentlich gar nicht.... Und doch - wenn ich aufhorche, ist sie da...

Die Stille...

Was aber nach wie vor komplett anders ist als früher, ist die Tatsache, dass ich Gott nicht mehr außerhalb von mir suche, sondern er nur noch in mir zu finden ist, und alles um mich herum sind seine Glieder, so wie ich auch. Es gibt also nichts außerhalb von ihm, existentiell gespürt!

Irgendwie ist es schon bissel schade um das ganze Ego, das jetzt so im Hintergrund ist... es ist nämlich so, dass mir gar nichts mehr richtig Spaß macht... Alles, was mir früher wichtig war, ist mir jetzt ziemlich schietegal... Hab jetzt schon mehrmals versucht, Klamotten einzukaufen, doch irgendwie komme ich mir in allem verkleidet vor, bzw ich denke immer: "brauch ich net"... Mag mich auch nicht mehr schick machen, über das normale Maß hinaus... auch das Essen kann ich nicht mehr so genießen, ist mir auch ziemlich wurscht geworden, auch Süßigkeiten, irgendwie schmeckt alles leicht schal. Mag auch keine Musik hören. In die Natur zu gehen ist nett, aber auch lange nicht mehr so spannend, wenn man nix mehr sucht... Irgendwie lag in der Trennung auch eine gewisse "Würze"... Meine Salzsucht ist komplett weg... ich hab seit dem "Zustand" nichts mehr nach gesalzen... und hab 3 kg abgenommen. Oder vier... Das einzige was mir noch schmeckt, ist mein Bierchen... das tut sooooo gut.

Immer wieder: die Krux ist der Denkapparat... die ständige Denkerei, Planerei, Grüblerei, ist doch krank.... Es gibt nur eins: ab in die Stille...

Übrigens, wenn ich mal Zeit habe, will ich endlich mal meine ganzen alten Tagebücher verbrennen... den alten Scheiß, in denen immer nur die Rede von Männern ist... ächtz.. welche Qual, die muss der Nachwelt nicht erhalten bleiben.

 

Donnerstag, 23. Februar 2006

Und wieder ist so eine Nacht, in der ich das Gefühl habe, Giaco geht. Sein Gehen ist schon überfällig - schon vor 2 Tagen träumte ich seinen Abschied. Und ich bin sicher, sein "höheres Selbst", also besser gesagt DAS höhere Selbst von uns allen hat beschlossen, dass seine Zeit hier zu Ende geht. Und er ist in seinem Höchsten damit einverstanden.

Dennoch, natürlich, bin ich traurig, macht mich dieser Abschied traurig. Auch wenn Giaco und ich nicht gerade glücklich miteinander waren, auch wenn es mehr Auseinandersetzungen und Streitereien gab als liebevolle Zeiten, auch wenn ich immer kritisch war und er euphorisch - dennoch fällt mir der Abschied schwer. Das Zeitliche ist schon schlimm. Es erzeugt die Illusion von Trennung. Doch ich weiß, es gibt sie nicht wirklich. Wir sind nur Aspekte des Einen Selbst und sind alle untrennbar. Doch hier, im Zeitlichen, im Raum, in der Entwicklung, wo alles nacheinander kommt, hier werden wir uns nicht mehr wieder sehen. Wohl aber in der Stille. Ich weiß, dass Giaco mich sehr, sehr geliebt hat. Und er war für mich zwar tierisch anstrengend, aber etwas ganz, ganz Besonderes.

Heute hat er mir ein gutes Leben gewünscht. Und wieder einmal ein Abschied, als würde man sich nicht mehr wieder sehen.

Die Stille drückt mir auf die Ohren.

Eine Mail von einer Freundin troff nur so von Mitempfinden und Liebe und "Beimirsein"... mit ihrer Liebe stärkt sie bei den Menschen das Ego. Sie streichelt bei sich und anderen die Seite des Ego, die behauptet zu lieben. Doch das ist nicht wirklich Liebe. Es ist Eitelkeit. Es ist eine Eitelkeit, die sich in der Rolle des Liebenden gefällt. Es ist ein leidenschaftliches Lieben, das in seiner Emotionalität verhaftet ist, also in dem Gefühl des Liebens. Es ist ein persönliches Lieben, kein Universelles. Es ist eine Liebe, die geboren ist aus Verletzungen, die einem mal zugefügt wurden, und die man jetzt bei den Anderen heilen möchte, ob sie sie nun auch geheilt bekommen müssen oder nicht. Man heilt. Man kann sich wichtig fühlen, man ist notwendig für die armen Menschen, die sonst ja noch mehr leiden würden... es ist also auch Ego-behaftet, weil es noch denjenigen gibt, der liebt.

Wahre Liebe redet nicht, tut nicht, will nicht. Man trägt sie nicht vor sich her. Sie wächst im Verborgenen und nicht öffentlich. Sie ist unerkannt und verkannt. Und man weiß selbst nichts davon.

Was mir völlig abhanden gekommen ist: jeglicher Ehrgeiz. Gut, der war schon länger schwach, doch er flammte immer mal wieder auf mit Schreiben oder Malen... nun ist da gar keine Chance mehr. Macht mir alles keinen Spaß mehr.

Was tun?

Nichts tun.

 

Dienstag, 28. Februar 2006 5.15 Uhr morgens

Wenn ich jetzt spazieren gehe, sehe ich weder Trolle, noch Elfen, noch Feen oder Naturgeister. Es wird nichts mehr "hinein-geheimnist". Es gibt kein Geheimnis, alles ist offensichtlich. Es gibt nichts zu entdecken, alles ist offen da. Alles IST. Dieses Sein ist das Geheimnis, das keines ist.

In meinem Leben laufen die Dinge jetzt anders ab. Ich denke nicht mehr viel nach, es ergibt sich alles spontan. Wenn ich müde bin, schlafe ich, wenn ich Hunger habe, esse ich. Wenn mein Freund da ist und ich Lust auf Sex habe, haben wir Sex. Wenn ich Wein trinken möchte, trinke ich Wein, wenn ich Gyros essen möchte, esse ich Gyros. Wenn ich wach bin, stehe ich auf, wenn ich Fernsehen gucken will, gucke ich Fernsehen. Da ich keine Lust zum Meditieren habe, meditiere ich nicht. Da es keine Notwendigkeit zum Beten gibt, bete ich nicht. Da es keine Visionen gibt oder Geister, sehe ich sie nicht.

Alles ganz einfach!

Nichts von heilig!

Und, wie es so schön heißt: vor der Erleuchtung den Hof fegen - nach der Erleuchtung den Hof fegen....

Aber dann innerlich frei. Vogelfrei.

Witzig: es gibt auch gar nicht mehr so viel zu denken wie früher... weil ich kein Konzept mehr suchen muss. Es gibt einfach keins. Welche Erleichterung! Kein Konzept!!! Keine Hierarchien!!! Keine Götter!!! Keine Teufel!!! Kein Weg!!! Keine Suche!!! Kein Ziel!!! Und: Kein Ego um das man dauernd kreisen muss!!! Geeeeeeil!!!!!!

Nur ein Gedanke, bzw. eine Erkenntnis oder Formulierung:

Liebe ist nicht das, was alle Menschen denken - sie ist kein Gefühl!!! Liebe ist ein Zustand! Der Zustand des Seins.

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