Januar 2006

Sonntag, 29. Januar 2006

Gestern morgen im Bett, als ich so meine Gedanken ansah, war wirklich jeder aufkommende Gedanke ein Ego-Gedanke, so in dem Sinne wie: ach, jetzt muss ICH wieder aus dem süßen Traumland in diesen blöden Alltag hinein... Ach, MEINE Füße tun weh... Oh, was hab ICH denn da gestern gelesen und verstanden? Hat MICH jemand im Traum belehrt? Blablablabla... Ich merkte also, jeder Gedanke ein Ich-Gedanke. Bei jedem Gedanken sagte ich mir: bin ich gar nicht. Das Denken wurde wie ein Ameisenhaufen, die Wellen schlugen und peitschten wie an Wände.... Es tat sich ein Loch auf, denn ich dachte: ja, wenn das alles nicht Ich ist, ja wer bin ich dann?

Dann dachte ich über das nach, was Hermann geschrieben hat, dass es eigentlich egal ist, was man denkt und tut, auf einer gewissen Ebene, da eh alles vergeht und einem Wandel unterworfen ist... Ich dachte: ja wenn ich kein Ich bin, und wenn es egal ist, was ich denke und tue und fühle, was soll ich dann hier und wozu bin ich überhaupt da? Hat ja eh alles keinen Sinn.... Und dann fiel ich wie in ein Loch... dunkel halt und trostlos. Also ich bin kein Ich, ich bin angeblich Alles, doch was ist es, was dieses Alles mit mir gemeinsam hat - was hat ein Baum, der Himmel, meine Möbel - was verbindet sie mit mir, was ist das Gleiche? Das Gleiche, wurde mir klar, ist, dass wir alle SIND. Doch dies war kein Gedanke, denn das kann man nicht denken, sondern spüren. Ich wusste plötzlich, dass es dieses Sein ist, das uns verbindet, und das es freundlich ist und es wohlwollend meint, und arglos und rein ist. Ich wurde ganz still, und diese Stille kam von selbst, als mir das klar wurde, und sie wurde laut und deutlich, es war das reine Sein. Und so vertraut und bekannt wie mein linker großer Fußzeh, bzw. viel vertrauter, weil den kenn ich gar nicht wirklich. Und in dieser Stille, in diesem Sein, schwang große Freiheit und ein unendliches Wohlgefühl, große Entspannung machte sich breit bei mir. Ich schlief fast wieder ein. Es kamen auch wieder Gedanken, doch ich identifizierte mich nicht mit ihnen, und sogleich wurde es wieder schön still.

Den halben Tag schwang ich auf dieser Welle... und bekam unbeschreibliche Glücksgefühle geschenkt... nicht zu erzählen, kein Wort kann es beschreiben... einfach herrlich. Das Sein ist Liebe. Das steht mal fest. Aber was für eine Liebe............ Die süßeste Liebe, die man sich einfach nicht ausdenken kann.

Heute kam noch mal so ein Zustand, als ich in der Sonne, neben Giaco auf der Bank am Friedhof saß. Giaco dozierte mal wieder, es sei unerläßlich, der Menschheit den Frieden zu bringen... Ich schüttelte nur mit dem Kopf und dachte: oh je... so lange nicht jeder Einzelne den Frieden in sich gefunden hat, so lange wird es keinen Frieden auf der Erde geben... Ich wusste, es gibt nichts zu tun, man kann ES nicht machen, es ist unmöglich, irgendetwas auszurichten, und ich will es auch gar nicht mehr. Ich will nichts mehr. Ich ließ los.

Wir schwiegen, und ich ergab mich dem Nichtskönnen und Nichtswollen, dem Nichtsein und der wohligen Hoffnungslosigkeit des Gestrandeten. Aussichtslos. Keine Chance. Keine Möglichkeit, etwas zu erreichen oder auch nur irgendetwas zu tun.

Es war so still, und die Vögel zwitscherten, und die Stille kam herein, so weit und breit und groß, und mit ihr ein unendlicher innerer Frieden, unbeschreiblich, herrlich, und aus diesem Frieden kam ein Glücksgefühl angeflogen, wie ein Orgasmus im Herzen oder im Kopf... genauso, es kam, hatte einen sagenhaften Höhepunkt und ebbte wieder ab, während ich mir die Tränen abwischte, weil das mich wieder ablenkte... Man kann es nicht beschreiben, es ist ein solches Geschenk... es ist einfach da... Man ist Teil einer Größe, einer Schönheit, einer Liebe, eines göttlichen Friedens. Es gibt nichts Schöneres, als Teil zu sein! Später, noch jetzt ein wenig, fühlte ich mich im Bauch wie von Innen geduscht, gereinigt, gewaschen. Ganz rein, unschuldig und innerlich bewegt, wie umgquirlt und durchgespült, so frei im Bauch...

Hab's Hermann gemailt, er sagt: ja, wird öfter kommen und irgendwann bleiben....

Ich bin so reich beschenkt! Nicht ich - und doch ich. Das kann süchtig machen... Aufgehen im Alles... es gibt nichts Schöneres und Süßeres. Und es gibt keine Vorschriften, keine Verhaltensmaßregeln, nichts das verboten wäre... nichts was man tun muss oder könnte, keinen Weg und kein Ziel, nur ein schon dort sein, nicht dort, sondern hier und jetzt. Nach diesem geistigen und seelischen Orgasmus weiß ich, was in Ramakrishna vorging, wenn er in Extase fiel... Gott ist tatsächlich Liebe. Süßeste Liebe.

So. Und das Ganze dauerte nur ein paar Minuten, der Nachklang einige Stunden - und jetzt hab ich wieder meine Last, mich nicht mit meinem Ego zu identifizieren, dass da rum labert, das wäre eine Erleuchtung gewesen und all son Scheiß...

 

31.01.2006 06:26:04 Dienstag

Herrlich ist das, heute morgen - nach einer recht stillen Nacht: Träume und Gedanken sind ganz leise geworden, nicht mehr aufdringlich, nicht mehr belastend, einfach viel stiller.... Also, danach ist es leicht, bzw. von selbst, dass man in dieses stille Meer eintaucht, bzw. darin bleibt. Indem man wahrlich nur eine Welle ist, eine kleine Bewegung, Mischa ist eine andere Welle, Giaco auch - wir sind alle eins. Es ist herrlich, dass ich all das erleben darf, diese neue, alte Wirklichkeit spüren darf, endlich erkennen darf, dass ich, Welle, mir über das Meer und mein Teilsein bewusst werden darf. Und man taucht auf ins Einzelbewusstsein mit der freudigen Entscheidung, wieder einen neuen Tag mitzuspielen in diesem großen Spiel des angeblich Wichtigen....

Dieses freie Gefühl in meinem Bauch und in der Brust ist immer noch da, es ist, als wären Berge an Gewichten von mir genommen - und ich glaube, die Macht der Elementale hat mich nicht mehr im Griff, sie sind weg... oder nicht mehr mächtig oder was auch immer. Weder Dämonen noch Götter sitzen auf mir.

Noch vor ein paar Tagen fragte ich Hermann: woher weißt du, dass du dort, wo du bist, am Ende angekommen bist? Jetzt weiß ich die Antwort: weil es nichts darüber hinaus geben kann - in der unendlichen Stille - was sollte da zu finden sein? Aus ihr besteht doch alles.....

Und dann beginnt wieder das kleine Ich zu erwachen und sich aufzuspielen: Hallo, da bin ich - ich bin jetzt erleuchtet - bin ich nicht toll? Es müht und rackert sich ab, um noch ein bisschen Energie von mir zu kriegen - doch ich höre nicht zu, ich lasse es reden. Ich sage zu ihm: verändere dich, mach es wie Ramakrishna, werde demütig und begnüge dich mit einem Dasein als Anbetungs-Ich, oder verschwinde ganz! Es mag sein, dass es sich eines Tages ganz auflöst - Gott, muss das herrlich sein.

Ich bin der Ozean, ein Tropfen und doch alles. Eins. Welches Glück!

Was mir so alles in den letzten Tagen klar wurde:

Es gibt nichts zu erreichen.

Es ist da - immer und ewig.

Es gibt nichts anzustreben, nichts zu erkämpfen, nichts zu erarbeiten, denn in der Entspannung und im Loslassen liegt die Erkenntnis vergraben.

Erleuchtung ist zwar eine schlagartige Erkenntnis, aber nicht wie ein Donnerschlag, sondern wie ein süßes Geheimnis, dass sich dir eröffnet. Es säuselt sich in dein Wesen und erzählt dir alles, es öffnet sich wie eine Braut oder ein Bräutigam, mit Zartheit und Zärtlichkeit. Voller Freude und Liebe.

Die einzige "Arbeit" die bleibt, ist die des Wachens. Wachen über das Ego, dass gerne aufmuckt und sich wichtig machen will, wachen über die Stille, die das Ego ersetzt bzw. die alles enthält. Sonst gibt es nichts zu tun, außer mit allem mit zu schwingen.

In diesem Bewusstsein kann man alles tun, was einem Spaß und Freude macht. Man kann jedoch auch alles leiden, was es zu leiden gibt - diese Erfahrung werde ich noch machen, das weiß ich.

Giaco steht kurz vor seinem Ende, so scheint es mir, und so sagte er auch selbst. Das sagte er zwar oft in den letzten Monaten, doch es wird ja wohl eines Tages wirklich geschehen...

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