Januar 2007

Mittwoch, 3. Januar 2007

Jeder Tag ist anders, dieser ist nicht so toll... Habe den ganzen Tag gepackt, und die alten Programme von Einsamkeit und Trauer umkreisen mich. Doch sie gehen nicht wirklich an mich. Dennoch ist so etwas wie Wehmut da, doch zum Glück nicht mehr diese Unerfülltheit im Bauch wie früher...

Manchmal ist die Stille angenehm und voll, dann wieder ist fast zu leer und zu still. Das Leben ist sehr leer geworden, nicht nur leer, sondern auch irgendwie sinnentleert... sagt der Verstand... Es sind nur Gedanken... 26 Jahre habe ich auf der spirituellen Suche verbracht. Sie war mein Lebensinhalt, mein Rettungsanker, wenn ich unglücklich war, meine Heimat und mein Hafen. Und nun ist auch sie von mir gegangen.

Doch, wer braucht hier noch einen Hafen? Wer sollte sich irgendwo einschiffen und zur Ruhe legen? Wer braucht eine Heimat und ein Ziel? Niemand braucht das. Es sind aber doch diese alten Gefühle da, die gerne in eine Richtung drängen würden... doch sie können nicht mehr andocken... merkwürdig ist das. Ihre Anwesenheit zu spüren, und doch sie nicht mehr zu nähren... Sie fliegen vorbei wie Vögel. Sie sollen gen Süden ziehen, irgendwohin, wo sie jemand nährt... wo es Futter gibt. Hier ist es karg und leer geworden, niemand füttert die Krähen... schon gar niemand die Geier. Liebliche Vöglein werden schon gerne noch gefüttert, so weit reicht die Leere noch nicht... (grins). Merkwürdige Zustände sind das. Stimmungen wie Wolken, auf und ab, mal so mal so... eigentlich wie früher... und doch ganz anders.

Die Stille ist immer da. Sie ist Heimat und Zuflucht. Sie sagt mir, dass es nicht mehr um "mich" geht, sondern nur noch um "das Leben".

 

In der Reha, Freitag, 5. Januar 2007

Es ist schon der helle Wahn.... Hier in der psychosomatischen Klinik... Mei..... Es war ja vorher klar.... Hier wird ums Ego gekreist... um was sonst? Und ich sitze schweigend da und alles geht mich nichts an... und doch bin ich mit den Menschen verbunden und nehme Anteil... Nein, sagen wir so: es trifft mich nicht, und doch bin ich da und fühle mit und sehe, woran es bei vielen hakt. Schön ist, dass meine Psychotherapeutin halbwegs verstanden hat, was mit mir geschehen ist. Sie versteht es vielleicht nicht wirklich, und doch begreift sie es auf irgendeine Weise und sieht es als Bereicherung, nicht als Krankheit - was ja schon die halbe Miete ist.

Die Menschen hier: voller Probleme, Ängste, Überlastungen, auch Aggressionen, Hemmungen... Und all das soll mit "Arbeiten an der Persönlichkeit" geändert werden können - welcher Wahn, was für ein Quatsch... aber na gut, ich will die Psychologie nicht verteufeln - aber eine Endlösung gibt sie nicht. Leider. Aber immerhin, sie trägt zur Bewusstwerdung bei - oder besser gesagt: zu etwas mehr Achtsamkeit und innerer Beobachtung.

Der Internet-PC hier (einer für 210 Patienten) ist chronisch überlastet... doch was solls... ich bin bisher noch kaum zu Verstand gekommen... viele Termine... am Wochenende wird es ruhiger werden.

Mich begleitet oft die Stille und Weite, in der ich sein darf... und ich lade sie immer öfter ein, mich zu "beherrschen". Manchmal spüre ich mehr die Fülle, dann wieder mehr die Leere... die Gespräche unter den Menschen empfinde ich zum größten Teil als uninteressant.

 

In der Reha, Montag, 8. Januar 2007

Lese derzeit Satyam Nadeens Buch... so ein Labsal, tut so gut... denn er beschreibt ja auch, was nach dem Erwachen abgeht, und er ist so angenehm positiv und wohlwollend.... Und er sagt ja auch, dass es danach noch mit den alten Konditionierungen weiter geht, die sich dann nach und nach erlösen dürfen... Zur Zeit löst sich bei mir immer mehr die mich nach wie vor umschwebenden Wünsche nach dem "Richtigen"... doch jetzt kann ich das schon kaum mehr spüren, eigentlich gar nicht mehr, da ich so sehr im Moment aufgehoben bin, dass ich kaum zum Denken komme... Vielleicht liegt das auch am ausgefüllten Stundenplan hier in der Kur. Bin fast froh, wenn ich mal ein bisschen Zeit habe... Und eigentlich tut man fast nur angenehme Sachen, wie Turnen, Walken, Joggen, Wandern, Schröpfen, Entspannungstraining, Schwimmen, Solarium, Sauna... mein Gott: was will man mehr? Ja, und nicht zu vergessen: Töpfern kommt auch noch... will meinen zwinkernden Buddhakopf machen...

Es ist lustig, so ich-entleert zu leben... ich sitze mit am Tisch, beteilige mich am Gespräch, wenn ich grad was zu sagen habe und zu Wort komme, ansonsten schweige ich und konzentriere mich aufs Kauen. Es gibt nichts zu Werten oder zu Wünschen, die Tage spulen sich so ab, wie es sich gehört, alles kommt zu seiner Zeit, man muss sich um nichts sorgen und nichts tun. Hier ist das ja noch viel intensiver als Zuhause, wo ich mich doch mehr "kümmern" muss... aber auch das läuft ja einfach so ab, ohne dass ich mich drum sorgen müsste...

Ja, so macht das Leben Freude. Einfach verrückt, wie einfach eigentlich alles ist, wo man sich früher immer alles so kompliziert vorstellte, wo man ständig an sich "arbeitete" und niemals glaubte, gut genug für Gott zu sein... hahaha... Das wäre ja noch schöner!!! Und wie herrlich leicht es ohne Ich ist, ohne diesen eingebildeten Kern, der ewig schuldig und verantwortlich war, der immer hastete, suchte, wollte, tat und machte.... Niemand tut, niemand will, niemand muss, niemand ist verantwortlich oder schuldig.... Dieses Ich ist ja wirklich nur eine Annahme, sozusagen: "nehmen wir mal an, wir hätten ein Ich...

 

In der Reha, Freitag, 12. Januar 07, 6.15 Uhr

Dies hier ist ja eine psychosomatische Klinik... und habe jetzt schon einige Patienten hier beobachtet... interessant ist, was für Typen Depressive oftmals sind... Mir ist aufgefallen, dass viele extrem viel reden, immer nur von sich, von ihren tausend Enttäuschungen, die ihnen das Leben so serviert hat, oder von ihren tausend Malessen, - diese Menschen sind extrem Egobezogen. Sie gefallen sich in ihrem Leiden, sie ziehen aus ihrem Leiden den letzten Rest an Anerkennung und dieses Leiden ist der letzte Versuch, Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen. Alles auf der Basis des Glaubens, sie wären dieses Ego. Es sind "Sauger", diese Menschen sind mir unangenehm, und ich gehe ihnen aus dem Weg, so gut es geht. Und das geht gut... Ich lasse mich kaum auf persönliche Gespräche ein, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann schweige ich zu den Dingen. Diese Menschen brauchen auch niemanden der antwortet, sondern sie wollen nur Zuhörer. Sie wollen auch keinen Rat, sie kreisen nur um die immer gleichen Gedanken. Sie können mit sich selbst nichts anfangen, sie suchen alles im Außen. Das ist dramatisch und führt natürlich ins Leiden.

Dumm ist, dass unsere Gesellschaft und auch unsere Religionen solchen Menschen oder überhaupt den Menschen so wenig sagen kann, bezüglich des Inneren. Advaita wäre die Antwort für alle - doch man kann es nicht sagen, sie würden es nicht verstehen. Advaita ist zu abgefahren. Zu fern von jedem gewohnten Denken... zu ungewöhnlich und von der "falschen" Seite kommend für diese Menschen.

Nunja, ich frage mich auch, ob es ihnen, so fern sie erwachen würden, wirklich besser ginge... *g*... Vielleicht ist die innere Leere in der Depression gar nicht so verschieden von der Leere des Erwachtseins... Diese Leere wird halt aus dem falschen Blickwinkel gesehen... Im Grunde ist es das Gleiche. Sehe ich das Nichts aus dem Blickwinkel des Ego, das immer "haben" will, so ist es angsterzeugend und traurig machend, denn das Ego bekommt ja nichts heraus... es bleibt isoliert. Die Lust, wenn das Ego sich in diese Leere ergießt, kann man dann nicht kosten.

Der Eine hier hat drei Selbstvordversuche hinter sich... das ist ja schon der Versuch des Ego, sich aufzulösen, endlich loszulassen, und weil es anders nicht geht, will man den Körper umbringen, in dem sich dieses Ego aufhält.... Diese Menschen sind näher an der Leere als viele andere... doch sie wollen sie nicht. Fatal. Und sie können sie nicht schätzen, da sie nicht in den Genuss der Befreiung gekommen sind. Geknechtet in der Leere fest hängen ist quälend. Und immer um das Ich kreisen, in Gedanken, immer um die Enttäuschungen, um das Gemeine, was einen angeblich angetan wurde...

Ach ja... es ist schon verrückt. Meine Stimmung ist auch nicht toll, oder besser... ich habe keine Stimmung, und weiß gar nicht, wie ich das finden soll. Es ist einfach still, sehr still. Ich enthalte mich des Wertens. Die Stille ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Ich fließe durch die Tage, mal so, mal so. Immer geht etwas, dauernd geschieht etwas, der Körper tut Dinge, der Mund redet Worte, fühlen tue ich derzeit wenig, aber das kommt schon alles zu seiner Zeit. Manchmal wäre ich gerne wieder zu Hause. Aber eigentlich ist es gleichgültig wo ich bin.

 

In der Reha, Sonntag, 14. Januar 2007 21.45 Uhr

Habe heute einen Satsang mit Karim gehört... auf CD... der Typ ist super. Spitze. Erwacht, verwirklicht, erfüllt von Gott, ichlos, aufgegangen und Kanal. Möchte ihn gerne mal sehen, irgendwann. Würde mich aber lieber allein mit ihm unterhalten, als mir die ewig gleichen Fragen im Satsang anzuhören. Er hat ja eine Engelsgeduld mit den Leuten... Ein noch recht junger Typ... ich bin begeistert, was für tolle Erwachte es heute gibt, Artur ist ja auch so einer... ein junger Mann... ein Jesus-Typ. Und auch Karim liebt Jesus.

Auch ich bin ichlos, doch das ist zu meinem Verstand noch immer nicht so ganz durch gedrungen, und es tut gut, immer wieder daran erinnert zu werden. Merke, wie mich Worte von Karim, Artur oder John de Ruiter immer magisch in die Stille und in die reine Wirklichkeit ziehen. So heilsam, so wohltuend, so wahr. Immer noch gehen im meinem Kopf Gedanken ihren sinnlosen Weg... von hier nach da... , und doch ist da niemand mehr, um den sie sich ranken. Es läuft einfach das alte Muster ab. In mir ist Fülle und Sattheit. Auch eine Art Überdruss dieser Welt. Die Spielchen der Menschen langweilen mich. Was sie so alles wichtig finden... Klamotten, Tatoos... Schmuck... Meinungen... Politik... alles so uninteressant.

Ein bisschen schade ist, dass ich auch die Natur nicht mehr so sehr genießen kann wie früher. Sie hat ja kein Geheimnis mehr, nichts mehr was ich ihr entlocken möchte. Sie ist einfach da, sie ist wie sie ist. Ich will nichts mehr von ihr. So wie ich von nichts und niemandem mehr etwas möchte. Sogar das, was man Mutterliebe nennt, ist irgendwie so ziemlich abgefallen. Ich liebe Mischa nicht unbedingt viel mehr als andere Menschen. Und ich vermisse hier auch nichts und niemanden. Ich bin einfach wo ich bin, mit den Menschen, mit denen ich gerade bin - und es ist gut so. Nichts falsch, nichts auszusetzen. Vom Gefühl her ein völliges Gleichmaß. Keine Dramatik mehr, nichts Erwähnenswertes. Nur noch die üblichen Stimmungsschwankungen, mal müde, mal wach, mal etwas traurig, mal glücklich - aber alles im Bereich von Mittelmaß. Die Dramatik ist weg. Ein Glück.

 

In der Reha, Dienstag, 16. Januar 2007 20.15 Uhr

Irgendwie ist das Leben so öde. Ich kann irgendwie in nichts mehr einen Sinn finden, oder einen Grund, warum ich es schön oder unterhaltsam finden sollte. Nicht, dass ich jetzt völlig scheiße drauf wäre, nein, aber alles langweilt mich so sehr. Das Leben ist ständig so vorhersehbar, spult sich in immer den gleichen Bahnen ab, ich hätte solche Lust, mal auszubrechen, einfach nur durch die Gegend zu reisen, in den Tag hinein... wahrscheinlich Midlife-crisis. Wenn man sein Leben lang funktioniert hat... dann reicht es irgendwann.

Aber es ist auch durch das Erwachen gekommen, dass mich alles so anödet. Auch hier in Kur... die Gespräche... die Menschen, selbst die netten... alles öde, alles langweilig, alles so aufgeblasen, nicht wirklich interessant. Lauter strotzende Egos, wohin man schaut... und in mir ist nichts mehr. Nichts, was zieht, nichts, das etwas will, nichts das etwas erstrebt...

Nun kann ich noch nicht mal mehr was vom Schicksal wünschen... früher war ich ja wichtig, heute ...? Wozu? Ich bin nicht wichtig, es geht nicht um mich. Es geht nicht um mein Leben. Nein. Keine Ahnung worum es geht, aber darum nicht. Alle wollen nichts anderes als wichtig sein. Alles ist tierisch aufgeblasen. Jedes Wort ein Versuch, sich weiter aufzublasen. Jeder Gedanke, jeder Ring am Finger, jeder Atemzug ist der Versuch, sich wichtiger zu machen... so sind die Menschen. Alle. Und ich habe nicht mehr viel mit ihnen zu tun. Sie stellen auch keine Fragen. Sie wollen nicht wirklich wissen. Sie wollen einfach so weiter machen. Sie haben Spaß daran, das Ego zu polieren und vor sich her zu tragen - den ganzen Tag, das ganze Leben, sonst nichts. Ist das nicht öde? Da vergeht einem doch alles... Dabei habe ich das genauso gemacht. Und nun? Nun will ich damit nichts mehr zu tun haben.

Deshalb ist es gut, in die Stille zu lauschen und still zu sein. Doch man lässt mich meist nicht. Alle sind hier dermaßen exaltiert... ich gehe immer mehr in mich. Bin genervt von den vielen Egos, die hier alle Zuhörer suchen. Es ist anstrengend hier, denn niemals hat man sonst mit so vielen Menschen zu tun. Hier aber schon. Viel zu viele... Und alle kreisen nur um sich und um ihre Körper. Niemand sieht, was eigentlich IST. Niemand schaut sich um. Niemand öffnet die Augen oder die Ohren. Jeder ist blind in seinem Kokon. Ich bin mitten unter Menschen und doch irgendwie allein. All-eins. Voller Fülle und doch so leer, voller Sein und doch so tot. Gefühle tauchen schon gar keine mehr in mir auf. Nur noch Gedanken, aber die sind unwichtig. Auch in Träumen läuft das Gleiche ab... Dinge geschehen, aber sie gehen mich nichts an. Sie rollen einfach ab. Nichts geht mich mehr etwas an.

 

In der Reha, Mittwoch, 17. Januar 2007 8.00 Uhr

Habe heute den Frühsport hier geschwänzt und auch das Frühstück, hab auch keine Lust auf die Gespräche... lieber nüchtern bleiben.

Ja, vor einem Jahr war es eine gewisse Euphorie, die mich beglückte, nachdem Erwachen geschehen war - logisch, nachdem die Suche nach 26 Jahren endlich zu Ende war. Es dauert, bis alles sackt und vieles immer klarer wird. Jetzt weiß ich auch, warum ich mich jetzt oft so leer fühle, bzw. warum der Verstand das gerne negativ auslegt... Im großen Spiel bringt die Ichbezogenheit nicht nur Leid sondern auch Freude. Beides fällt weg, Leid, aber auch Freude. Ich kann mich noch gut erinnern, wie manches Mal Eitelkeit und Stolz auf diesen Körper Freude brachten. Nun ist das Ich weg, das diese Gefühle hatte - und nicht nur das, der Körper verfällt ja auch zusehends und altert. Wobei ich sagen muss, das stört "mich" nicht, warum auch...? Es ist der Lauf der Dinge. Nur die Programme, die noch kommen, sind noch nicht ganz aufgelöst... von wegen schön sein müssen und Mann haben müssen... Dabei merke ich doch mehr und mehr, dass es mir allein hervorragend geht, ich könnte und wollte mich nicht einem anderen Menschen zu sehr anpassen.

Ja, die Freuden des Ich... das war auch das Glänzen in Gesprächen mit klugen Reden, mit Jokes, mit Wissen, auch mit angeblicher Weisheit... das Glänzen mit Schönheit, die Erregung, Aufmerksamkeit von Männern auf sich zu ziehen... Shit, alles weg. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so an sämtlichen Männern vorbei geschaut zu haben wie hier. Selbst gut aussehende sind für mich nur Masken. Sie haben halt schöne Masken, aber ansonsten sind doch alle gleich. Früher hätte ich doch sofort gecheckt, ob und welcher in Frage kommt... jetzt ist von vorne herein klar: nichts kommt in Frage... was kommen soll wird kommen, was nicht kommt ist auch gut. "Ich" muss mich nicht darum kümmern, damit etwas geschieht, denn was geschieht, geschieht. Deshalb entscheide "ich" nicht mehr, was geschehen soll... Ich habe ohnehin keine Wahl.

 

In der Reha, Freitag, 26. Januar 2007 11.00 Uhr

Die Stimmung in mir ist jeden Tag anders, und alleine daran sieht man ja schon, wie sehr gesteuert man wird... es ist nichts, aber auch gar nichts in unserer Hand, alles kommt von "selbst", vom SELBST und geschieht uns, die Dinge tun sich von selbst, nichts und niemand tut etwas. Das ist wirklich erleichternd. Störend sind eigentlich immer nur die Gedanken, sie stören, weil sie alles beurteilen, alles eintüten wollen und sich gerne wichtig machen. Nur gut, dass ich sie kenne und weiß, dass sie nichts bedeuten.

Oft habe ich das Bedürfnis, nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun, nur sitzen und auf Impulse warten. Es ist schön, dass hier manchmal Zeit dazu ist. Saß gestern hier und sah mir eine halbe Stunde lang Wolken an, wie sie so sanft und still dahin ziehen, so herrlich sinn- und ziellos, einfach so sich treiben lassen... ja, so wie alles - sich treiben lässt von hier nach da... bis es sich wieder auflöst.

Vorhin in der Schröpfkabine hing ein Plakat an der Wand mit all den Adern, dem Lymphsystem, etc.... all diese geheimnisvollen Wege, die da im Körper verlaufen, in unserem hoch entwickelten Körper, der eigentlich nichts anderes ist als eine hoch entwickelte Pflanze. Merkwürdig, dass sich da eines Tages ein Herz entwickelt hat und dann auch noch ein Gehirn... das Gehirn scheint mir fast wie ein Geschwulst zu sein... sehr überentwickelt fast... Doch es dient ja wohl offensichtlich zu mehr als nur zum Denken.

Egal. Meine Gedanken sind nicht wichtig, und meine Impulse zum Schreiben am Buch werden spärlicher, da ich mich nicht mehr so wichtig nehmen kann. Ich nehme einfach Teil am Leben und schwinge so mit... bin nicht wichtig, bin eigentlich gar nicht da, funktioniere im Rahmen dessen was geschieht. Deshalb auch so wenig Impulse, überhaupt noch etwas zu tun. Im Grunde reagiere ich nur auf den Körper. Ist er müde, bin ich faul, ist er agil, habe ich Lust auf Sport und Bewegung. Alles ist nur ein Mitschwingen.

Was hier sehr raus kommt, ist manchmal Trauer darüber, dass das Leben so eingekastelt ist, dass mein Alltag so wenig Freiraum fürs Nichtstun gibt, dafür, dass auch mal ein Impuls von Innen kommen darf. Im Grunde kommt fast alles von Außen auf mich zu in Form von Anforderungen. Diese Anforderungen möchte ich reduzieren, so weit, dass endlich einmal Zeit ist, alles hängen zu lassen, gehen zu lassen, wirklich zu sterben. Eigentlich will ich nur noch sterben - auf gewisse Art... ich meine, IM Köper, IM Leben, leben und doch nichts müssen... von mir aus mal eine Zeit völlig verlottern, vergammeln, rumhängen... Niemals im Leben durfte ich das, niemals habe ich mir das gestattet, und nun würde ich gerne....

 

Letzter Tag in der Reha, Mittwoch, 31. Januar 2007, 7.20 Uhr

Derzeit beobachte ich mit Faszination das Wirken des Verstandes, und langsam sehe ich, wie das funktioniert, wie er aus allem versucht, ein "Etwas" zu machen, ein Objekt, und sehe genau, wie er immer wieder dazu tendiert, Geschichten zu spinnen - der Unterschied zu früher ist der, dass ich das wahrnehme, es als unwirklich erkenne und damit unterbreche, bevor Geschichten sich wieder groß und wichtig machen können. Da es nichts wirklich Wichtiges gibt, erkennt man schon allein am Wichtiggetue, dass es falsch ist.

Dann löst sich das, was ohnehin keine Wirklichkeit hatte, wieder auf wie Wolken oder wie Nebel, und die Sonne scheint wieder, die Klarheit, Stille und Weite kommen sofort wieder. So ist also das Denken und Vorstellen eigentlich Nebel, Wölkchen, nichts anderes, als der Versuch des Verstandes, eine eigene, vorgestellte Wirklichkeit zu erzeugen. Warum er das wohl tut? Wozu haben wir dieses Ding namens Verstand eigentlich, wenn es nicht wirklich zu etwas nütze ist?

Ich lese Nisargadatta, Band 3, und lese und sehe, wie er seinen Verstand dazu benutzt hat, den Verstand der Anderen Schach matt zu setzten. OK. Aber gäbe es bei niemandem einen dummen, denkenden Verstand, so wäre das auch nicht nötig. Vielleicht macht's ja auch dem Sein Spaß, dieses ewige Hin und Her, was? Ja, genau betrachtet ist es ein lustiges Spiel - nur für den, der noch voll drin hängt tut es oft ganz schön weh...

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